Effektivität der Physiotherapeutischen Massnahmen in der Neurorehabilitation
Leserbrief, erschienen in "Physiotherapie" 6/2000
Die Autoren von "Kritische Evaluation der neurologischen Physiotherapie" (de Bruin et al) in der Ausgabe Physiotherapie 3/2000 erwecken beim Leser den Eindruck, dass die Behandlungseffektivität der Physiotherapie in der Neurorehabilitation zu wenig erforscht und in der Praxis nicht genügend reflektiert wird. Die Autoren haben in ihrer Arbeit jedoch nicht berücksichtigt, dass sich die praktische Arbeit in den letzten Jahren enorm entwickelt, sich mit Messinstrumenten auseinandergesetzt und diese auch angewendet hat. Neuere Untersuchungen zeigen auf, wie die Behandlungseffektivität der Physiotherapie in der Neurorehabilitation gesteigert werden kann.
Konzepte und Effektivität
Es bestehen Studien, in denen spezialisierte Rehabilitationskliniken mit allgemeinen Kliniken verglichen werden. Diese zeigen, dass die funktienelle Erholung von Hemiplegiepatienten in der Rehabilitationsklinik etwas besser ist 1 2. Vergleiche der verschiedenen Behandlungstechniken (Bobath, PNF, Rood; ...) untereinander zeigten keine Unterschiede 2 3 4 5 6 7 8 9. Diese Untersuchungen ergeben noch keinen Hinweis auf die Effektivität dieser Konzepte gegenüber keiner physiotherapeutischer Behandlung. Eine prospektive Untersuchung mit einer Kontrollgruppe ohne Therapie ist ethisch noch sehr umstritten.
Intensität, Dauer und Effektivität
Hinweise für eine erhöhte Wirksamkeit
gegenüber konventionellen Behandlungsmethoden zeigen neuere Modelle und
Techniken wie z.B. "Forced used" (vermehrtem Gebrauch) u. a. 10
11 12 13. Bei den letztgenannten Studien liegt
die Vermutung nahe, dass die erhöhte Wirksamkeit durch die zusätzliche oder
intensivere Therapie erreicht wurde. Die Intensität bezieht sich vor allem auf
die Dauer und Häufigkeit von physikalischen Massnahmen. Diese Vermutung
untersützt Sivenius 14 auch in einer kontrollierten Studie, die den
Effekt von intensiver Physio- und Ergotherapie untersuchte. Die Gruppe mit
intensiver Therapie zeigte gegenüber der Gruppe mit normaler Therapie einen bessere Erholung, gemessen an ADL-Score und
motorischen Funktionen. Den grössten Zuwachs an funktioneller Erholung zeigt
die Gruppe mit intensiver Therapie in den ersten drei Monaten. In einer
randomisierten Studie bei Patienten mit einem Insult der A. cerebri media15
wurde der Effekt von spezifischem Arm- bzw. Beintraining gegenüber einer
Kontrollgruppe untersucht. Auch hier erhielten alle Patienten der drei Gruppen
ein Basis-Rehabilitaitonsprogramm. Zusätzlich zu diesem Programm erhielt eine
Gruppe ein spezifisches Arm- bzw. Beintraining. In der Kontrollgruppe wurden
Arm und Bein mit einer aufblasbaren Bandage während der gleichen Zeit (30 min
pro Tag, 5 tage pro Woche) immobilisiert. Die Gruppe mit dem Beintraining
erreichte gegenüber der Kontrollgruppe nach 20 Wochen einen signifikant
besseren Wert in den ADL, dem Gehen und Handfertigkeit. Demgegenüber erreichte
die Gruppe mit dem Armtraining nur in der Handfertigkeit einen besseren Wert
gegenüber der Kontrollgruppe. Auch hier lässt sich die Hypothese aufstellen,
dass das zusätzliche Training einen positiven Effekt auf die Erholung hat.
Smith und Mitarbeiter15 randomizierten 133 Patienten mit
Schlaganfall in drei Gruppen, eine intensive Gruppe (4 ganze Tage pro Woche),
eine konventionelle Gruppe (3 halbe Tage pro Woche) und eine Gruppe ohne
Therapie (wurden vorher nur instruiert, selbst Übungen zu machen. In den ersten
zwei Gruppen wurde die Behandlung 6 Monate durchgeführt. Das funktionelle
Ergebnis in ADL war in der ersten Gruppe am besten.
Welche Reize braucht ein Patient mit einer neurologischen Erkrankung?
Die oben erwähnten Untersuchungen lassen
erkennen, dass nicht allein die Art der Therapie, sondern die Intensität bzw.
Dauer und Frequenz der physiotherapeutischen Massnahmen einen wesentlichen
Einfluss auf die Effektivität zeigen. "Motorisches Lernen" bzw. Neuroplastizität
kann nur unter Berücksichtigung der Biographie des Einzelnen und Vermittlung
der unterschiedlichsten Reize (physikalisch, emotinell, kognitiv) optimal
gefördert werden.
Ich hoffe, dass mit einer umfassenden differenzierten Betrachtung der aktuellen
praktischen Tätigkeit und fundierten Kenntnissen der Forschung die Bedeutung
der Physiotherapie in der Neurorehabilitation anerkannt und verbessert werden
kann.
Stefan Schädler, Burgdorf
1 Dombovy M.L.,
Bach-y-Rita P.: Clinical observations on recovery from stroke. Advances in
Neurology 1988; 47: 265-273
2 Edzard E.: A Review of Stroke Rehabilitation an Physiotherapy. Stroke
1990; 21: 1081-1085
3 Platz T. Gibt es einen Wirksamkeitsnachweis für physiotherapeutische
Verfahren bei zerebralen Insulten? Krankengymnastik 51. Jg. (1999) Nr. 2; 251 -
260
4 Stern P. H., McDowell F., Miller J.M.,
Robinson M.: Effects of facilitation exercise techniques in stroke
rehabilitation. Arch phys med Rehabil 51: 526-531, 1970
5 Logigian M.K., Samuels M.A. Falconer J., Zagar
R.: Clinical Exercise Trial for stroke Patients. Arch Phys Med Rehabil 64:
364-367, 1983
6 Lord J.P. an Hall K.: Neuromuscular reeducation versus traditional
programms for stroke rehabilitation. Arch Phys Med Rehabil 67: 88-91, 1986
7 Dickstein R., Hocherman S., Pillar T., and shoham R.: Stroke
rehabilitation. Three exercise therapy approaches. Physical Therapy 66:
1233-1238, 1986
8 Basmajian J.V., Gowland C.A., Finlayson A.J., Hall, A.L., Swanson,
L.R., Stratford P.W., Trotter J.E., Brandstrater M.E.: Stroke treatment:
comarison of integrated behavioral-physical therapy programs. Arch Phys Med
Rehabil 68: 267-272, 1987
9 Gerber et al., 1995
10 Platz T., Denzler P., Kaden B., Mauritz K.H.:
Motor learning after recovery from Hemiparesis. Neuropsychologiea, 32,
1209-1233, 1994
11 Bütefisch C, Hummelsheim H., Denzler P., an K.-H. Mauritz: Repetitive
training of isolated movements improves the outcome of motor rehabilitation of
the centrally paretic hand. Journal of the Neurological Sciences 130: 59-68,
1995
12 Richards C.L., Malowin F., Wood-Dauphinee S et al.: Task-specific
therapy for iptimization of gait recoverya in acute stroke patients. Arch Phys
Med Rehabil 74: 612-620, 1993
13 Taub E., Miller N.E., Novack T.A., Cook E.W., fleming W.C., Nepomuceno
C.S., Connell J.S., an Crago J.E.: Technique to improve chronic motor deficit
after stroke. Arch Phys Med Rehabil 74: 347-354, 1993
14 Sivenius J., M.D., Pyörälä K., M.D., Heinonen O.P. M.D., Salonen J.T.,
M.D. and Riekkinen P., M.D.: The Significance of Intensity of Rehabilitation of
Stroke - A Controlled Trial, Stroke Vol. 16 928-931 1985;
15 Kwakkel G., Wagenaar R.C., Twisk J.W.R., Lankhorst G.J. Koetsier J.C.:
Intensity of leg an arm training after primary middle-cerebral artery stroke: a
randomised trial, The Lancet Vol. 354, July 17, 1999
15 Smith DS, Goldenberg E., Ashburn A: Remedial therapy after stroke: A
randomized controlled trial. Br. Med J 1981; 282: 517-520